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Aschersleben 22: Mit dem Gesicht zum Volke! Aber Game over?

Nein, die Ehre dieser Schilder wird dem ehrwürdigen Gebäude der legendären „Melle“ auf der Stassfurter Höhe in Aschersleben wohl nicht zuteil. Obwohl eine kleine Gedenkplatte an seiner Fassade daran erinnert, dass im dortigen Saal immerhin einmal 1.500 Bürgerinnen und Bürger Rosa Luxemburg lauschten. Mit dem Brandschutz war damals offensichtlich auch für so viele Menschen alles i. O.

Doch nun heißt es: Ein Ende oder ein Anfang?

Diese Frage stellte sich der außenstehende Beobachter nach einem Bürgerforum im Aschersleber Bestehornhaus am vergangenen Donnerstagabend.

Wer wollte, den informierten Marko Litzenberg darüber (knapp, aber genau) via Twitter und die MITTELDEUTSCHE ZEITUNG in kleinen Zusammenfassungen über Facebook, untersetzt mit Fotos.

(An dieser Stelle sei ein Traum eingeschoben. Der vom Live-Stream aus diese Art von Veranstaltungen, aber auch dem öffentlichen Teil der Sitzungen von Kommunalvertretungen.)

Thema des Abends war die Entscheidung der Stadtverwaltung, das überaus populäre Kulturhaus „Melle“ nunmehr für Veranstaltungen nach 22:00 Uhr zu schließen, ein harter und überraschender Schlag vor allem gegen U30-Parties und Ü30-Tanzveranstaltungen, die sich großer Beliebtheit erfreuten, ein wahrhafter Publikumsmagnet waren und nun förmlich abgewürgt wurden.

Ein (über)eifriger Amtsleiter der Stadt Aschersleben hatte kurzentschlossen und ohne Ankündigung gehandelt und einen Beschwerdekatalog genervter Anwohner über Lärmbelästigungen und unangenehme Verschmutzungen des Umfelds der „Melle“ dafür zum Anlass genommen.

Deshalb sei zudem die staatliche Ordnungsmacht häufig im Einsatz gewesen, was die Polizei aber umgehend und überzeugend dementierte.

Was denn nun?

Jetzt brach ein ungewöhnlicher Sturm der Entrüstung los, die kalt getroffenen Partygänger und die Tanzveranstalter empörten sich vehement und erstmals in Aschersleben formierte sich der Protest und Widerstand auch über das Internet.

Der Beschwerdekatalog blieb im übrigen für die Sünder weitestgehend verschlossen, lediglich Informationsfetzen entfleuchten den Amtstresoren der Stadtverwaltung, aber immerhin sprach man dem Verband der ehemaligen Stephaneer wegen bestimmter Vorkommnisse ein Hausverbot für die „Melle“ aus. Ein offenbar bisher ungeklärtes Politikum, denn dieser Verband ist ja nun nicht einfach ein Verein von Kulturbanausen, Hooligans, Wandbeschmutzern und Kotzbrocken.

Die vor allem jugendliche Volksseele kochte, folgerichtig entwickelte sich zuerst die Idee einer Demonstration, dann eines Runden Tisches zum Problem, doch wurde schnell klar, es müsse ein größeres Forum geben, eines, für das sich selbst der Ratssaal am Markt als zu klein erwies.

Also zog man in den größten Saal der Stadt und erlebte eine Bürgerversammlung zu einem kommunalpolitischen Thema, wie es sie wohl seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hatte.

Was überregionales Interesse hervor rief.

Ascherslebens Oberbürgermeister Andreas Michelmann stellte sich dabei einsam, aber mit dem Gesicht zum Volke vor die gut 400 Besucher und hatte einen wahren shitstorm über sich  ergehen zu lassen, den er erfahren und selbstbewusst ertrug. Doch nicht, ohne auch ins Wanken zu geraten.

Die Stadtverwaltung, personell erkennbar in der ersten Reihe sitzend, hatte längst die Strategie gewechselt, der ominöse Beschwerdekatalog war zum müden Klepper degeneriert, dafür hatte sich Reiter Michelmann auf ein neues Pferd gesetzt und längst mit Grundsätzlichem bewaffnet:

„22 Uhr“ hin oder her, die Stadt könne die „Melle“ als Tanzlokal ohnehin nicht mehr halten, die Bausubstanz des traditionsreichen Klubhauses sei so desolat, dass der normative Schall- und Brandschutz nicht mehr gegeben und nur mit einem Finanzaufwand in hoher, sechsstelliger Höhe baulich auf das nötige Niveau gebracht werden könnte.

Außerdem: Es fehlen die Parkplätze. Schwachbrüstig. 🙁

Eine genaue Summe wurde nicht genannt, auch blieb man die Erklärung schuldig, worin denn der Unterschied bestehen, wenn es aufgrund des mangelnden Brandschutzes vor bzw. nach 22.00 Uhr im Haus brenne.

Dafür bot der Oberbürgermeister mehrere Ausweichmöglichkeiten für die Partygänger in eigentlich mit geeigneten Lokalitäten nicht gerade gesegneten Aschersleben an, für die er zwar zwischen 380.000 und 880.000 EURO städtischem Investitionsaufwand in den nächsten drei Jahren „glänzen“ konnte, die aber aus unterschiedlichen Gründen auf wenig Gegenliebe im Publikum stießen.

Mal ganz davon abgesehen, dass dies auch hohe sechsstellige Finanzaufwendungen sind. 😉

Irgendwie also eine Sackgasse.

Und dann gründet bekanntlich der, der nicht mehr weiter weiß, einen Arbeitskreis, manchmal auch Runder Tisch genannt (wo bekanntlich vorn ist, wo die oder der Tüchtigste sitzt).

So auch hier geschehen.

Einzig greifbares Ergebnis des Abend war, dass sich Stadtverwaltung, Kulturausschuss des Stadtrates und acht Abgesandte der Protestierenden zusammensetzen und das Problem wochenendlich-nächtlicher Party- und Tanzveranstaltungen „Wo, wann und wie?“ in der Eine-Stadt konstruktiv diskutieren werden und nach akzeptablen Lösungen streben.

Bleibt nur zu fragen, warum Vergleichbares nicht schon vorher möglich war, warum dieses Tun förmlich durch öffentlichen Druck erst erzwungen werden musste?

Und nur mal am Rande: Der Beweggrund des Ganzen „22 Uhr“ war längst vom Tisch und das Ende der „Melle“ de facto besiegelt. Wird man sie jetzt schleifen?

Sind jetzt die Gemüter der Protestierenden beruhigt? Ist die Luft raus, administrativ hat man alle Wogen geglättet und nun kommt business as usual? Game over?

Eigene Erfahrungen mit Kommunalverwaltungen lassen das vermuten, aber man möchte sich gern und hoffentlich täuschen.

Auf jeden Fall erinnerten wir uns nach diesem Abend sofort an das sicherlich vielen bekannte Lied von Gerhard Schöne „Mit dem Gesicht zum Volke“.

Da lohnt ein Blick auf den Text und man wird verstehen, was dem Abend so fehlte: Z. B. eine Erklärung, Richtigstellung und Entschuldigung des gescholtenen Amtsleiters. Auch gegenüber dem Verband der ehemaligen Stephaneer.

 Aber in Anwandlung einer bekannten Redewendung: Was hat schon der Krümel sich zu melden, wenn der Kuchen redet!

Einst wie jetzt.

 

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