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Du Bürgerin, du Bürger? Du doppeltes Lottchen!

Wenn man so über den Tag absichtlich oder zufällig irgendwo in den kommunalpolitischen Spiegel schaut und sich dabei nachdenklich übers Kinn fährt, wird frau oder mann nicht nur einen deutlichen Hinweis auf ihr Geschlecht erfahren, sondern man erblickt das sprichwörtliche doppelte Lottchen (Ein Dank an Erich Kästner R.I.P.).

Man ist nämlich die oder der „Zugereiste“ bzw. der oder die „Eingesessene“. Den bestimmten Artikel kann man also weglassen, beide Bezeichnungen kann man aber steigern. Z. B. als „Neuzugereiste“ oder „Alteingesessene“.

Das ist offenbar eine wichtige Klassifizierung, die bestimmt, ob und wie man sich über die Geschicke seiner unmittelbaren Heimat äußern oder gar für ein Bürgeramt bewerben darf.

Dies jedenfalls suggeriert die heftige anonyme Reaktion auf unseren Beitrag zum Wählerforum im schönen und zurecht stolzen Giersleben an der Wipper am vergangenen Mittwoch.

Wir bekamen gar die Empfehlung, zu schweigen oder anderen Orten auf den Sack zu gehen. Dieser beliebte Hinweis lässt dann darauf schließen, dass die harschen Kommentare von einem Mann stammen. Er weiß praktisch körperlich, wovon er redet.

Aber wir wollen nicht abschweifen.

Juristisch ist ja eigentlich alles klar. Das Kommunalrecht unterscheidet den Gemeindebürger und den Einwohner der Gemeinde.

Der erste darf wählen und kann gewählt werden, wenn er in ein Wahlverzeichnis eingetragen ist bzw. einen Wahlschein hat (§ 4 Kommunalwahlgesetz Sachsen-Anhalt), weil

  • er Deutscher im Sinne des Artikels 116 des Grundgesetzes ist,
  • oder Staatsangehöriger eines Mitgliedstaates der Europäischen Union,
  • das 18. (hier und da auch das 16.) Lebensjahr vollendet hat und
  • mindestens drei Monate in der Gemeinde wohnt.

Nun gibt es ja so manchen mit Zweit- oder Mehrwohnsitz. Er ist Gemeindebürger dort, wo er seinen Hauptwohnsitz hat.

So einfach ist das und sonnenklar. Juristisch eben.

Doch da gibt es ja noch den Gemeindebürger als doppeltes Lottchen.

Je nachdem, wie lange er schon in der Gemeinde lebt, bestimmt das darüber, ob und wie er über seine gegenwärtige Heimat urteilen, mitreden oder gar für die Zukunft denken darf.

„Zugezogene“ haben sich da – offenbar aus nicht näher bezeichneten moralisch -ethischen Gründen – zurückzuhalten, das Wort gebührt den „Eingesessenen“ und dabei vor allem den „Alteingesessenen“. Das jedenfalls sieht mancher in Giersleben so.

Fristen werden dabei nicht genannt.

Wer sich z. B. schon vor über zehn Jahren für Giersleben als Lebensmittelpunkt entschied, ist immer noch ein „Zugereister“, wer dagegen z. B. seit 52 Jahren im Ort nicht nur wohnt, sondern dort aufgewachsen ist, ist ein „Alteingesessener“, so eine Art Ehrenbürger per se. Er hat das erste Wort.

Wie rückwärtsgewandt, wie muffig, wie abgestanden. Welche Blindheit gegenüber den Zeichen der Moderne.

Gerade die vielen kleinen ländlichen Gemeinden mit einer überwiegend älteren Bevölkerung (die meist Alteingesessene sind) müssten glücklich sein über die zumeist jüngeren Zugereisten und vor allem die, welche willens sind, sich im Ort niederzulassen.

Sie sind ein Faustpfand für die Zukunft, eine Zukunft, die umso heller ist, je besser und stabiler das Geschaffene ist, worauf das Neue aufbaut. Das Erreichte darf man da nicht in eine kommunale Schatztruhe wegschließen, eifersüchtig konservieren oder selbstsüchtig hüten wie eine schlechte Glucke. So entwertet man es.

Ist nicht eine gelungene Synthese von Altem, Fundamentiertem und Neuem, Visonärem und Kühnem der Garant für eine gedeihliche Entwicklung eines Gemeinwesens in der so schwierigen, weil schon so nahen Zukunft der deutschen Kommunen im ländlichen Raum?

Und ist die Bewältigung dieser Herausforderung nicht die wohl größte Aufgabe für ein neu zu wählendes Gemeindeoberhaupt?

Dazu passen sehr gut die Überlegungen von Frau Magdalena Ballin aus Aschersleben in ihrem Leserbrief an den WOCHENSPIEGEL, publiziert in dessen Aschersleber Ausgabe am gestrigen Tage auf Seite 8 unter dem Titel „Sachsen-Anhalt – Land der Frühaufsteher und Land der Wölfe“.

Voller Nachdenklichkeit gerade über die Zukunft vieler Dörfer schreibt sie u. a.

„Jedes Kleckerdorf hat eine große schöne Kreuzung zur Anbindung an die Umgebungsstraße. Hat man nicht im Auge, dass dort in absehbarer Zeit niemand mehr leben wird?“

Oder

„Es fehlt am Willen, ein einheitliches Bildungs- und Versorgungsniveau zu planen. Hier kann nicht jeder Bürgermeister, jeder Schuldirektor sein Süppchen kochen.“

Ja.

Möge doch die die alte Lebensweisheit, dass man nur zusammen stark und für Zükünftiges gerüstet ist, auch im Kommunalen wieder mehr Raum bekommen.

Anders wird es nichts. Oder sind Sie, alteingesessene und zugereiste Giersleber, nicht auch dieser Meinung?

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